Demokratie bedeutet Gemeinsamkeit

Demokratie in Deutschland ist selbstverständlich. Alle haben aus der Geschichte gelernt. Anscheinend nicht, oder?
Doch gerade in einer Zeit, in der Menschen durch die Straße ziehen und den Hitlergruß zeigen, ist wichtig zu realisieren, dass das nur ein kleiner Ausschnitt der Bevölkerung ist. Denn es geht auch anders: zum Beispiel zusammen über Demokratie zu reden. Gesicht Zeigen! e.V. hat zusammen mit Nemetschek Stiftung im September 2018 das dritte Mal eine Fachtagung zum Thema Democracy veranstaltet.

Hier kommen Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland, junge Wilde und alte Hasen, in Düsseldorf zusammen. Es geht nicht nur darum, demokratische Prozesse zu verstehen oder Vorträge zu hören; vielmehr kommen interessierte und motivierte Menschen zusammen, um zu netzwerken, sich über Partizipationsmöglichkeiten auszutauschen und ihre eigene demokratische Haltung zu reflektieren. Und nicht zuletzt darum, gemeinsam Spaß zu haben. Ja, Demokratiebildung darf auch Spaß machen!

Ohne Demokratie läuft gar nichts

„It´s Democracy, stupid!“ heißt diese Tagung und könnte missverstanden werden. Ist es dumm, Demokratie zu leben und zu propagieren? “Nein,”, sagt Sophia Oppermann, Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied von Gesichts Zeigen! Sie macht deutlich: „damit wollen wir unterstreichen, dass ohne Demokratie gar nichts läuft.“

Der Name der Tagung geht auf eine Wahlkampfaussage von Bill Clinton, dem ehemaligen Präsidenten der USA zurück: „It’s the economy, stupid“. Mit diesem Slogan gewann er 1992 die US-Wahlen.

Sophia Oppermann, Gesicht Zeigen!

„It´s Democracy, stupid!“ beginnt mit einem chilligen Kennenlernen-Abend im Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation (kurz Zakk): Düsseldorfer Altbier, Fingerfood und Pubquiz in bunt gemischten Teams. So unterhaltsam kann die Demokratie sein.
Es folgt eine ganztägige Veranstaltung mit Workshops, Diskussionsrunden und Referate. Ein Höhepunkt dieser Tagung ist definitiv der Vortrag von Frank Richter. Der Priester, Theologe und Politiker hat gerade eine spannenden Wahlkampf in Meißen hinter sich und hält einen Vortrag über demokratische Entwicklung in Ostdeutschland. Ein Thema das ziemlich gut zum aktuellen Geschehen in diesem Land passt. Leider.

Negin Behkam auf der Tagung

Open doors!

Kneipenquiz zum Thema Demokratie

Diskussionen im Weltcafé

Sophia Oppermann über Positive Thinking

Diskussionsrunde

Die Teilnehmer tauschen sich aus

Diskussionen

Marina Weisband und Sophie Passmann über Social Media und Demokratie

 

Immer wieder Ostdeutschland

Wieso ist Rechtsextremismus in Ostdeutschland so ein besonders großes Problem? Das fragen sich in diesen Tagen viele in Deutschland. Richter, der selbst die DDR-Zeiten erlebt hat, spricht offen und vorurteilsfrei über die möglichen Ursachen. Das Rechtsextremismus in den Regionen der ehemaligen DDR an Stärke gewinnt, habe neben wirtschaftlichen und demografischen Gründen vor allem eine ideologische Dimension.

Fast 80 Prozent der Bevölkerung in Ostdeutschland seien unreligiös. „Fragt man die Menschen in den sogenannten neuen Bundesländern ‘bist du katholisch oder evangelisch?’ Bekäme man des öfteren zu hören: ‘Weder, noch! Ich bin normal.’“ erklärt der Priester. Die meisten seien allerdings keine überzeugte Atheisten und auch der Zusammenhang zur Gesellschaftsform in der DDR sei nur bedingt richtig. Die Ursachen der regionalen Areligiosität liegen in der jüngeren Geschichte.

Theologe Frank Richter

Gemeinsam über Demokratie reden

„Der Marxismus-Leninismus ist gescheitert. Damit ist innerhalb von ein paar Wochen die Ideologie verschwunden, die die Menschen so sehr geeint hat.“, sagt Richter. Plötzlich waren die Ostdeutschen nicht nur ihrer Identität beraubt; sie kannten die Spielregeln des Westens nicht und hatten kaum oder keine praktischen Erfahrungen bezüglich freiem Arbeitsmarkt, wirtschaftlicher Konkurrenz und politischem Wettbewerb. Nationalismus war ein Weg, das Fehlen einer gemeinsamen Ideologie zu kompensieren.
Was muss passieren, damit demokratische Prozesse als sinnstiftend genug wahrgenommen werden können und Bilder wie in Chemnitz, Köthen oder Dortmund irgendwann wirklich Teil einer Geschichte sind, aus der alle gelernt haben? Am Ende der Tagung gibt es zwar Antworten, aber auch jede Menge neue Fragen in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Gesellschaft. Und damit ist zumindest dieser Beweis erbracht: über Demokratie muss man immer wieder reden, am besten gemeinsam.

Negin Behkan hat für Media Residents die Fachtagung „It’s Democracy, Stupid!“ von Gesicht Zeigen! für ein weltoffenes Deutschland besucht. Ansonsten schreibt die iranische Journalistin unter anderem für Amal, Berlin. Ihre Themen sind Wirtschaft, Politik und Flüchtlingspolitik. Mehr über Negin erfahrt ihr in unserem Interview.

Negin Behkan

Journalistin

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