Julius Stucke, Foto: Viktor Strasse

…über Klangwelten, leere Blätter und Kartofeln

Seine auditiven Wurzeln hat Julius Stucke im Radio. Doch auch im Podcast Universum ist er zu Hause und war bereits an mehreren Formaten beteiligt. Für Media Residents hat Julius einen Podcast Workshop geleitet und Tipps und Tricks an unsere Residents weitergegeben. Natürlich haben wir auch die Chance ergriffen und Julius interviewt. Dabei  haben wir jede Menge über Klangwelten, leere Blätter und Kartoffeln erfahren.

Hi Julius! Wie lange bist du eigentlich schon Podcaster?

Schwierige Frage! Weil ich mich selber gar nicht unbedingt „Podcaster“ nennen würde. Ich bin Klangliebhaber und Radiomensch. Und wenn man vom Radio kommt, kommt man am Podcast ja auch nicht mehr vorbei. Ich würde das nicht gleichsetzen, Podcast ist nicht einfach nur Radio zum Abonnieren im Netz. Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die so tun, als wären das völlig unterschiedliche Universen. Denn vieles, was in Podcasts stattfindet, kommt ja auch und kennt man auch aus dem Radio. Also ich würde sagen: enge Verwandte, dicke Freunde. Und solche prägen sich eben auch gegenseitig. Beeinflussen sich. Radio wird sich durch Podcasts verändern, denke ich. Wenn Du jetzt trotzdem noch eine Antwort auf die „wie lange“ Frage hören magst: Radio mache ich seit mehr als 10 Jahren mittlerweile, vor allem für Deutschlandradio / Deutschlandfunk Kultur. Dort bin ich seit Oktober Teil des wöchentlichen Kulturpodcasts „Lakonisch Elegant“. Und für das Podcastlabel Viertausendhertz habe ich vier Hörkunststücke mit viel Klang, Atmosphäre und Musik gebaut.

In einer Episode des Kulturpodcasts „Lakonisch Elegant“ geht es um traurige Kartoffeln. Wie wurde die Kartoffel zu einer kulturellen Frage?

Die Kartoffel, genauer die goldene Kartoffel, ist ein Negativpreis. Den haben die Neuen Deutschen Medienmacher kürzlich zum ersten Mal vergeben. An Julian Reichelt, BILD Chef. Er wollte ihn aber nicht annehmen und begründete das unter anderem mit dem Titel, also dem – wie er meinte – beleidigenden Ausdruck Kartoffel. Und plötzlich war da eine Debatte im Raum über Rassismus und unseren Umgang mit Diskriminierungen im Alltag und Sprache und einiges mehr. Und das ist ja in vielerlei Hinsicht Kultur.

Welchen Stellenwert hat es für dich, über Rassismus zu sprechen? Hilft es?

Ich finde es sehr wichtig – und ich fand es persönlich vor allem interessant und hilfreich mit Menschen zu sprechen, die Rassismus oder Diskriminierungen aus dem Alltag kennen. Gefühle und Erlebnisse in diesen Gesprächen kennenzulernen, die ich aus eigenem Erleben – glücklicherweise – nicht kenne. Weil ich hier in Deutschland Teil der Mehrheit bin, also selber keinen Rassismus erlebe. Und klar hilft „Sprechen“! Das löst alleine noch keine Probleme – aber wenn wir anderen Menschen ein bisschen mehr zuhören, den Horizont erweitern – dann ist es ein erster Schritt. Es gab einige unschöne Dinge in diesem Jahr; ein symbolischer Tiefpunkt waren für mich die Ereignisse in Chemnitz, die mich zum Grübeln gebracht haben. Grübeln auch darüber, welche Werte ich meinen Kindern wie vermitteln möchte. Und daher finde ich es auch hilfreich über Rassismus zu sprechen, nachzudenken. Um Antworten zu haben, wenn die Kids mit Fragen kommen.

Du hast für Media Residents ja einen Podcasting Workshop gehalten. Gibt es für dich selbst Learnigs, die du aus solchen Workshops ziehst?

Definitiv ja! Ich bin eher Praktiker und im Alltag oft auch zu faul mir erst ein Konzept zu machen, theoretisch alles durchzudenken. Ich lege meist los, schreibe drauf los und schaue, wo es mich hinbringt. Manchmal auch nirgendwohin. Gehört aber dazu. Und es ist hervorragend ,durch so einen Workshop auch mal wieder einen Schritt zurückzutreten und zu schauen: welche theoretischen Herangehensweisen gibt es, welche theoretischen Tipps beim Schreiben, Konzepte entwickeln, Geschichten bauen. Und welche Technik setze ich wann am besten ein. Beim nächsten Mal lege ich aber trotzdem garantiert einfach wieder mit dem leeren Blatt los.

Was konkret reizt Dich daran, Podcasts zu machen?

Ich finde die relativ große Freiheit reizvoll. Im Prinzip kann jede/r sich hier ausprobieren, experimentieren, eigene Wege gehen. Und das – theoretisch – ja auch für viele zugänglich zu machen. Das ist Vielfalt und sehr vielfältig. Klar ist da auch viel Zeug dabei, was keine Hörerinnen findet, was in einer absoluten Nische vor sich hin podcastet oder irgendwann wieder verschwindet. Aber das passiert erst mal auf eine ziemlich demokratische Weise, finde ich. Ohne Zugangshürde. Und als Radiomensch ist das mit der Freiheit nochmal speziell – denn ein bisschen lebt man im Radio doch in wiederkehrenden Mustern, Formaten, Sendungen deren vorgegebene Länge man füllt. Ein Podcast fühlt sich für mich am Anfang viel eher nach einem leeren Blatt an, dass man vollmalt. Und wenn man mag, kommt einfach ein weiteres Blatt hinzu.

Wie und wo kann man dich im Netz finden und hören?

Hier findet ihr den Kulturpodcast von Deutschlandfunk Kultur Lakonisch Elegant
Hier gibt’s die Klangpflaster von Viertausendhertz

Danke für das Interview! Wir hören sicher bald wieder (was) von dir!

 

Gepostet von Media Residents am Dienstag, 13. November 2018

 

 

Julius Stucke, John und Nauar (v. r. n. l.) beim Media Residents Podcast Workshop. Mehr Bilder findet ihr bei Facebook!

 

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