Zwischen Haltung und Pose

Dominik Butzmann ist Zeitzeuge und Archivar der politischen Geschehnisse, nicht nur in seiner Wahlheimat Berlin. Vom 19. Januar 2019 bis zum 16. Februar 2019 ist seine Ausstellung “Haltung” in der janinebeangallery zu sehen. Hier geht der Fotograf der Frage nach, was ist eigentlich Haltung und was ist nur eine Pose?

Es geht um das Auftreten einer nervösen Öffentlichkeit sowie die persönliche Einstellung von politischen Entscheider*innen und die politische Einstellung von allen Persönlichkeiten. Wir haben mit Dominik Butzmann über die Idee dahinter gesprochen und warum Haltung nicht nur ein Thema für Politiker*innen sein sollte.

Fotos: Dominik Butzmann

Man kann Haltung sehen, aber nicht inszenieren

Media Residents: Deine neue Ausstellung “Haltung” beginnt am 18. Januar. Was für Arbeiten werden dort zu sehen sein?

Dominik Butzmann: Ich zeige eine Übersicht aus meiner Arbeit im politischen Berlin der letzten Jahre. Die “Berliner Republik” verlangt Anführungszeichen, weil sie impliziert, dass die Abgründe der deutschen Geschichte überwunden wären. Das ist nicht der Fall und wird nie der Fall sein.
Gerade deswegen muss die Generation der Politiker, die den 2. Weltkrieg nicht mehr erlebt haben, die entstehende Leere im Herz dieser Republik aktiv füllen. Sie musste  – und muss aktuell besonders – neu definieren, warum die freie, demokratische und offene Gesellschaft unabdingbar ist. Diese Generation trägt eine unfassbare Verantwortung und sie wird ihr oft nicht gerecht.
Mir war es wichtig diese Politiker zu zeigen, eingeordnet in ihre Umgebung und unverstellt. Haltung findet auf vielen Ebenen statt, körperlich und intellektuell und beides kann man sehen, man kann es aber nicht inszenieren.

MR: Wie ist die Idee dazu entstanden und was erwartet die Besucherinnen und was erwartest du von ihnen?

DB: Nach 2015 hatte ich das Glück die sich entfaltende europäische Geschichte an vielen Stellen sehr nah beobachten zu können. In München als die Geflüchteten aus Ungarn in Zügen ankamen. In den unmenschlichen Lagern in Griechenland. In Wien, auf dem Rücksitz von Sebastian Kurz, im Kanzleramt in Berlin. In der deutschen Provinz. Überall wurde mir klar, dass ich selbst nicht mehr ohne eine klare Haltung auftreten kann, deutlicher werden muss, öffentlich und im Privaten; eine klare Haltung die Voraussetzung für ehrliche und aussagekräftige Portraits ist.
Genau das können die Besucher erwarten. Sie sind aber auch aufgerufen, dass zu überprüfen, ihre Meinung zu sagen, laut zu sein. Streit wäre ein schönes Ergebnis der Ausstellung.

Streit wäre ein schönes Ergebnis

MR: Was bedeutet Haltung für dich konkret und unabhängig von der Körpersprache?

DB: Informiert zu sein. Diese Informationen auch fortlaufend zu überprüfen. Und ein starkes Gefühl für Richtig und Falsch zu entwickeln. Das ist etwas, was ich von mir erwarte und was ich von den Politikern erwarte.

MR: Tatsächlich haben deine Arbeiten und Themen oftmals einen politischen Hintergrund, nicht selten in Verbindung mit einem klaren Statement. Gibt es für dich einen Punkt, ab welchem du ein Foto oder seine Wirkung als politisch motiviert bezeichnest?

DB: Ja, wenn ich wie bei eurem WelcomeCamp nicht kommerziell arbeite und so mit meinen Bildern an der Meinungsbildung beteiligt bin. Oder wenn ich kommerziell arbeite und durch gedankliches und perspektivisches Abstand halten eine Wirkung, ein klareres Bild ermögliche.

MR: Während deiner Arbeit hast du Schulen in Afrika und die Fluchtsituation am Mittelmeer dokumentiert, außerdem fotografierst Du Politiker für Reportagen, Wahlkämpfe oder die anstehende Ausstellung in der janinbeangallery. Hast du schon mal eine Anfrage, einen Auftrag abgelehnt, weil du befürchtet hast, einen Menschen oder eine Situation unnötig zu überhöhen?

DB: Zu Beginn der sogenannten “Flüchtlingskrise” im Herbst 2015 gab es viele Interviewanfragen verschiedener Medien für Führungsfiguren der neuen rechten Gruppierungen inklusive der AfD. Diese Zeit war vor allem eine Zeit maßloser Orientierungslosigkeit in den Redaktionen.
Ich fühlte mich in der Situation nicht in der Lage Portrait-und Interview-Aufträge für Termine mit  AfD Protagonisten anzunehmen, erst später fand ich feste Strategien und Kriterien dafür. Diese Kriterien verhindern weiterhin jeden Händedruck mit extremen Rechten, sind aber offen für alles, was den Blick öffnet und aufklärt.

Offen für alles was den Blick öffnet und aufklärt

MR: Gerade Medienmenschen prägen ihren Texten, Bildern und Videos die öffentliche Meinung. Ist Haltung zeigen in diesem Zusammenhang für dich vereinbar mit Aufklärung und objektiver Berichterstattung?

DB: Haltung zu zeigen kann ja auch eine Qualität in der Recherche und eine bedingslose Verknüpfung mit der Wahrheit bedeuten. “Fake News” werden schwerer möglich, wenn ein Fotograf dabei ist.

MR: Also geht es um Verantwortung?

DB: Ich habe in den letzten Jahren das tiefe Gefühl bekommen, dass in der europäischen Gesellschaft tatsächlich etwas kippt. Unsere Demokratie steht unter Druck und ja, es geht um die Verantwortung unserer gesamten Generation, dass nicht zu verbocken, diese Gesellschaft nicht kaputtgehen zu lassen.

MR: Auch für Media Residents sind 2019 Haltung und Gesicht zeigen wichtig wie nie zuvor. Zum 70. Geburtstag des deutschen Grundgesetzes beschäftigen wir uns in diesem Jahr mit Demokratie und der Verfassung. Gibt es für dich einen Artikel des deutschen Grundgesetzes, den du als besonders wichtig ansiehst?

DB: Die Würde des Menschen natürlich, die in den letzten Jahren hier in Europa – auch vor meinen Augen – unter die Räder gekommen ist.

MR: Und zum Abschluss unseres schönen Gesprächs: Was wünscht du dem deutschen Grundgesetz zum Jahrestag?

DB: Viele neue Follower.

MR: Danke dir für das schöne Interview. Wir sind gespannt auf deine Ausstellung!

Die Ausstellung

„Haltung“ – Politische Fotografie –

Vom 19. Januar bis zum 16. Februar 2019
Vernissage: 18. Januar 2019, 18-21 Uhr

In der janinbeangallery
Torstrasse 154
10115 Berlin/Mitte

Öffnungszeiten:
Di bis Sa: 12.00 – 18.00 Uhr

Mehr von Dominik Butzmann:
Website: dbutzmann.de
Instagram: @dominikbutzmann