Art. 5, Abs. 1: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Nina und Sami von R-future.TV über Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist eine Errungenschaft der demokratischen Gesellschaft und fest verankert in unserem Grundgesetz. Sie ist dennoch nicht immer und überall selbstverständlich – und muss immer wieder neu verteidigt werden.
Das erleben wir regelmäßig in unserer Arbeit mit Geflüchteten, die mit uns gemeinsam über Freiheits- und Gleichheitsrechte aufklären wollen, was mitunter nicht gern gesehen ist. Vor allem, wenn es um schwierige Themen geht, die in manchen Herkunftsländern anders als in Deutschland behandelt werden. Antisemitismus ist so ein Thema. Ohnehin ein schwerer Brocken, aber in unserem Kontext nochmal besonders herausfordernd. Wochenlang hatten wir in unserer R.future-TV-Gruppe über Judenfeindlichkeit gesprochen und als es dann darum ging, uns mit einem Film dagegen einzusetzen, wollte erst mal keiner vor die Kamera; aus Angst vor Sanktionen der eigenen Community.

Beim Thema Antisemitismus sind die Befürchtungen besonders groß

Solche Ängste gibt es bei vielen Geflüchteten auch bezogen auf andere Bereiche, die einen Tabubruch zum Erlernten im jeweiligen Herkunftsland darstellen können: Frauenrechte, LGBT, sexuelle Selbstbestimmung. Die Abwägung zwischen Aufklärungswillen und Selbstschutz gehört für alle in unserem Team zum Arbeitsalltag. Und beim Thema Antisemitismus waren die Befürchtungen eben besonders groß. Schließlich erklärte sich Jamou zum Dreh bereit.

Er besuchte gemeinsam mit uns ein ehemaliges Konzentrationslager und lernte eine jüdisch-muslimische Begegnungsinitiative kennen. Vor der Kamera schilderte Jamou seine Erfahrungen und Erlebnisse und stellte unter anderem fest, dass es Menschen in der arabischen Welt gibt, die Hitler gut finden, weil er sie von den Juden befreit habe.

Als ein öffentlich-rechtlicher Sender am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz Ausschnitte aus diesem Film in seinem arabischsprachigen Social-Media-Angebot postete, war der Shitstorm auf Jamou enorm. Der Beitrag wurde nach nur vier Stunden aus dem Netz genommen und erst Wochen später in gekürzter Version wieder bereitgestellt.

Die Beschimpfungen und Beleidigungen waren ein Schock, nicht nur für Jamou, sondern für das ganze Team.

Jamou schwankt nun zwischen Resignation und Wut und will wissen, was wir zum Thema Meinungsfreiheit zu sagen haben. OK, es gibt juristisch gesehen Meinungsfreiheit, aber die Umsetzung ist nicht nur davon abhängig, wie das Umfeld mit Kritik umgeht, sondern auch, welches Risiko man selbst bereit ist zu tragen.

Sollten wieder jene den Dialog bestimmen, die Meinungsfreiheit nicht aushalten?

Ein Mann, der für seine Meinungsfreiheit viele Einschränkungen in Kauf nimmt, ist der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad. Seitdem gegen ihn eine Todesfatwa ausgesprochen wurde, lebt er unter ständigem Polizeischutz.

Was das bedeutet, bekamen wir zu spüren, als wir eine Veranstaltung mit ihm planten. Hamed Abdel-Samad hatte in einem unserer Filme zum Thema Radikalisierung von seinem Ausstieg bei den Muslimbrüdern erzählt. Daran wollten wir anknüpfen, um mit unserem Publikum darüber zu diskutieren. Aber es war zunächst unmöglich, einen Veranstaltungsraum zu bekommen. Absage reihte sich an Absage.

Das Team war enttäuscht: Sollten wieder jene den Dialog bestimmen, die Meinungsfreiheit nicht aushalten?

So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Wir bekamen die nötige Unterstützung und konnten die Diskussion unter großer Beteiligung zugewanderter Menschen führen. Über Radikalisierung, Antisemitismus und was man dagegen tun kann, konnte engagiert debattiert werden. Dafür sind wir dankbar. Doch am meisten freuen wir uns darüber, Teil eines Teams zu sein, dessen Mitglieder*innen neugierig sind, mutig und bereit, ihr Recht auf Meinungsfreiheit mit einem persönlichen Preis einzulösen, dessen Höhe nicht allen in Deutschland ausreichend bewusst zu sein scheint.

> Nina Coenen und Sami Alkomi, gebürtiger Syrer, haben R.future-TV, Flüchtlinge für Demokratie und Menschenrechte. ins Leben gerufen. Hier entstehen in Zusammenarbeit mit Geflüchteten Filme über die Freiheits- und Gleichheitsrechte in Deutschland. R.future-TV ist Partner der Berliner Kampagne “Farben Bekennen” und Träger des “Bandes für Mut und Verständigung”.
>>Der Text erschien zuerst im Magazin „Gesicht zeigen!“ zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes.

Ein Projekt von:

Gesicht Zeigen! ruft auf, zeigt an, greift ein – für ein weltoffenes Deutschland. www.gesichtzeigen.de

gefördert durch: