Alexander Wragge von der Initiative Offene Gesellschaft

Wenn man sich die noch kurze Geschichte der Initiative Offene Gesellschaft anschaut, könnte man meinen, hier haben Menschen das Patent für nie endende Motivation, nicht versiegende Ideen und immer währende Zuversicht entwickelt. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so schwer, einfach mal #dafür zu sein. Wir haben mit Alexander Wragge über Vergangenheit und Zukunft sowie das besondere an unserem Grundgesetz gesprochen.

Es lag sehr viel Aufbruch in der Luft

Hallo Alex, die von euch ins Leben gerufene Offene Gesellschaft gibt es bereits seit 2015 und war als Debattenreihe geplant. Das klingt ziemlich theoretisch. Was war der Auslöser und was war das konkrete Ziel dieser Plattform?

Alles begann mit einer Art Schnapsidee im Herbst 2015. Im Sommer waren Hunderttausende nach Europa geflohen und trafen in Deutschland zunächst auf eine beispiellose Willkommenskultur. Doch dann hatte sich das gesellschaftliche Klima verschlechtert – Hass und Hetze prägten immer mehr die Debatte. In dieser Situation hatten unsere Mitbegründer Harald Welzer und Alexander Carius einen einfachen Gedanken. Lasst uns doch endlich wieder richtig reden. Persönlich und konstruktiv. Die Frage: Welches Land wollen wir sein? Zunächst waren nur ein paar Abende in Theatern geplant. Doch schnell wurde das Ganze richtig groß. Debattiert wurde in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Alexander Wragge, Offene Gesellschaft

In dieser Zeit entstanden viele lokale und überregionale Initiativen und Projekte. War es entsprechend leicht Mitstreiter*innen und Unterstützung zu finden?

Der Aufstieg des Rechtspopulismus, das Brexit-Votum, die Wahl Donald Trumps – das alles hat 2015 und 2016 sehr viele Menschen bewegt, sich erstmals für die Demokratie und eine offene Gesellschaft einzusetzen. Es lag tatsächlich sehr viel Aufbruch in der Luft. Mit uns entstanden tolle Initiativen wie die Save-Democracy-Camps, Start with a friend oder die Jugendbewegung DEMO. Auch unsere Debattenreihe wurde von Engagierten getragen. Sie holten sie an ihren Ort holten und organisierten alles, wir halfen mit Tipps und Material. Die Resonanz und die Unterstützung waren riesig. Bis heute haben mehr als 20.000 Menschen an mehr als 100 Orten “Welches Land wollen wir sein?” diskutiert.

Deutschland ist unglaublich reich an Zivilgesellschaft.

2016 wurde aus der losen Veranstaltungsreihe eine Aktionsplattform für Events. Wie kam es zu dieser Weiterentwicklung?

Nach dem überraschenden Erfolg war uns klar, dass wir noch mehr machen können und müssen. So wichtig die Kritik an den Verhältnissen ist, um sie zu verbessern – in manchen Momenten ist es wichtig, auch für das einzustehen, was schon erreicht wurde. Manchen Menschen scheint nicht bewusst, welches Maß an Demokratie, Freiheit und Vielfalt unsere heutige Demokratie für jeden einzelnen bietet, ganz im Gegensatz zur geschlossenen Gesellschaft. Autoritäre Systeme setzen immer auf Angst und Spaltung, auf den Ausschluss einzelner Gruppen und letztlich auf Gewalt.

So starteten wir 2016 unsere heutige Initiative als Plattform für pro-demokratische Aktionen aller Art. Alle können mit ihrem Engagement vor Ort ein Zeichen setzen – ob mit der Kunstperformance, dem Speeddating mit der Nachbarschaft  oder der Handylichter-Kette. Das Ganze sollte erstmal nur bis zur Bundestagswahl 2017 laufen. Am Ende standen tatsächlich mehr als tausend Aktionen bei uns im Kalender, die Menschen vor Ort gewuppt haben. Dieser Plattform-Gedanke machte es erst möglich, so viele Menschen und Organisationen zu vernetzen, gemeinsame Sache zu machen. Heute sehen wir dieses Land mit anderen Augen. Es ist unglaublich reich an Zivilgesellschaft. Es gibt sie in jedem Ort, die Leute, die gute Dinge tun.

Gab es gar keine Rückschläge?

Nicht alle unsere Aktionen haben die Reichweite erzielt, die wir uns vielleicht gewünscht hätten, vor allem wenn man sieht, welchen Erfolg Inhalte im Netz haben, die unsere offene Gesellschaft spalten wollen. Wenn du auf Tabubrüche, Empörung und Provokation setzt, hast du es in den sozialen Medien leichter als wenn deine Botschaft darin besteht, dass da Menschen friedlich und konstruktiv diskutieren oder etwas für’s Zusammenleben tun. Aber mediale Resonanz ist auch nicht alles. Wichtig ist das, was real vor Ort passiert. Und hier haben wir in den vergangenen Jahren zig Tausende neue Gespräche und Begegnungen bewirkt oder in Gang gesetzt.

Ein Autokorso für’s Grundgesetz

Und was waren aus deiner persönlichen Sicht die bisherigen Highlights?

Sehr überraschend und witzig war sicher eine Aktion zum Tag des Grundgesetzes  in Stuttgart. Die Aktionisten saßen zusammen und überlegten, wann Menschen eigentlich mal so richtig ausgelassen auf der Straße feiern. So kamen sie auf die Fußball-WM und schließlich auf den Autokorso. Und dann haben sie das tatsächlich mitten in Stuttgarts Innenstadt durchgezogen – den weltersten Autokorso für’s Grundgesetz. Viele Menschen an der Straße mussten herzlich lachen, selbst die Polizei fand’s witzig und am nächsten Tag stand’s groß in der Zeitung: das Grundgesetz hat Geburtstag. Daneben gibt es natürlich unzählige Aktionen, die wir krass gut finden. Das ehrenamtlich organisierte Zukunftsfestival “Auf Anfang” mitten auf dem Dorf in Rheinland-Pfalz zum Beispiel.  

Es geht um Freundschaft zur Demokratie

Parallel zu den Veranstaltungen und Aktionen wurdet ihr publizistisch tätig, neben dem Kalender entstand ein Buch sowie ein Magazin. Was waren hier die Themen?

Von Beginn an waren sehr viele Autorinnen und Autoren bei uns dabei, als Mitbegründer oder Impulsgeber*innen und Impulsgeber bei den Debatten. Aus “Welches Land wollen wir sein?” entstand ein 2016 Essayband zur offenen Gesellschaft – mit Texten von Harald Welzer, Naika Fouroutan, Tina Soliman und vielen anderen. Unser Printmagazin #dafür erscheint inzwischen zweimal jährlich und stellt Aktive und ihr Engagement vor. Daneben erscheinen hier Essays und Interviews zum Zeitgeist. Das aktuelle Thema lautet Freundschaft. Es geht um die Freundschaft zur Demokratie.

Die menschenfreundliche Mehrheit in diesem Land muss lauter werden.

Das Thema inklusive eurer Motivation scheint unerschöpflich zu sein. Seit Juni 2017 gibt es den Tag der offenen Gesellschaft. Menschen in ganz Deutschland kommen zusammen, um die Demokratie zu feiern.

Anfang 2017 haben wir gesagt: die menschenfreundliche Mehrheit in diesem Land muss lauter werden. Wir müssen im ganz großen Stil auf die Straße. Allerdings waren wir unsicher, ob die klassische Demonstration noch die zeitgemäße Form ist – das war lange bevor die #Unteilbar-Demo 2018 diesen riesigen Erfolg hatte. Außerdem wollten wir eine wirklich dezentrale Aktion, bei der ich noch im kleinsten Dorf mitmachen kann. So kam die Idee, ganz Deutschland zum gemeinsamen Tafeln und Picknicken aufzurufen und so ein Zeichen zu setzen. Wir hatten keine Ahnung, ob das auch nur ansatzweise funktioniert. Um so schöner war dann der Moment, als es dann wirklich geschah. Schon beim ersten Mal feierten rund 20.000 Menschen an rund 500 Orten gleichzeitig die Demokratie. Im Osten, im Westen, in der Stadt, auf dem Land. Es war irre.

War da schon klar, dass die Initiative auch über die Bundestagswahl hinaus bestand haben wird?

Als noch relativ junge Initiative planen wir immer von Jahr zu Jahr. Bis zur Bundestagswahl war das Netzwerk enorm gewachsen und so dachten wir gar nicht ans Aufhören. Tausende Menschen zeigen heute mit uns Haltung, vom Studenten bis zur Rentnerin. Wir haben viel gelernt, viel Praktisches über Aktionen und Organisation und geben dieses Wissen gerne weiter. Und wir haben immer neue Ideen und Projekte – aktuell zum Beispiel das neue Magazin “Was wäre wenn” mit dem wir konkrete Utopien zur Debatte stellen – vom schnellstmöglichen Klimaschutz bis zu einer Welt ohne Altersheime. Und wir sind 2019 mit “Die offene Gesellschaft in Bewegung” in 15 Städten und Orten unterwegs. Hier sammeln und diskutieren wir gute Ideen aus der Zivilgesellschaft.

Ein ganzes Land geht einfach mal raus und rockt was zusammen.

Am Samstag, den 15. Juni 2019, findet dieser Tag der offenen Gesellschaft nun zum dritten Mal statt. Miteinander zu reden und die Demokratie zu würdigen steht weiterhin im Mittelpunkt der Aktion. Was hat sich in den letzten beiden Jahren geändert?

Die Grundidee ist dieselbe geblieben. Ein ganzes Land geht einfach mal raus und rockt was zusammen, unter freiem Himmel und bis spät in die Nacht. Daraus ergeben sich vor Ort immer wieder neue Kontakte und Ideen. Dieses Jahr wollen wir noch mehr Menschen für diese Idee gewinnen. Wer will, kann mit seinem Tisch oder Picknick auch ein bestimmtes Thema setzen. Wo lässt sich zum Beispiel über das derzeit dringlichste Thema, den Klimaschutz, besser sprechen als draußen im Freien? Der Tag bietet hier auch einen guten Anlass, auf Menschen zuzugehen, auf den Verein um die Ecke oder die nur vage bekannte Nachbarin.

In der Wirtschaft gelten die ersten drei Jahre als Gründerjahre und Proof of Concept, also als das Ende des Status Start-up. Seid ihr nun etabliert bzw. welche Erwartungen, Hoffnungen habt ihr für das dritte Jahr?

Wir vergleichen uns als gemeinnütziger Verein nicht unbedingt mit Wirtschaftsunternehmen. Aber es stimmt, der mittlerweile bundesweite Freundeskreis und das große Netzwerk an Partnern in der Zivilgesellschaft sind eine sehr gute Ausgangslage, zusammen neue Ideen und Projekte anzugehen.
Als Plattform wollen wir weiterhin allen eine Heimat und ein Netzwerk bieten, die für eine offene Gesellschaft Haltung zeigen und in Aktion treten. Ein neuer Schwerpunkt für die Zukunft ist das Denken in Ideen und Utopien. Das ist das, was eine offene Gesellschaft so stark macht. Sie bietet die Freiheit, immer wieder Neues zu denken, sich selbst auf friedlichem Weg zu verbessern. Diesen Veränderungs-Sinn wollen wir mit vielen Projekten immer wieder freisetzen. Natürlich läuft vieles falsch – von der Kinderarmut bis zum Klimawandel. Aber wir sind frei, gemeinsam neue Antworten und Lösungen zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch und viele tolle Begegnungen beim Tag der Offenen Gesellschaft!

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