Jeannette Hagen ist Autorin, Speakerin und Coach, sie schreibt, spricht und doziert zu Themen wie Gesellschaft, Leben und Psychologie. Neben der theoretischen Beschäftigung setzt sie sich für Menschenrechte und Geflüchtete ein. Für Jeannette ist Kunst ein wichtiges Mittel für den Kitt dieser Gesellschaft und das Ausrufezeichen für drängende Fragen unserer Zeit.

Wir haben Jeannette getroffen, als sie ihre Wohnung für die Ausstellung “Haltung” von Dominik Butzmann eröffnete und in diesem Rahmen eine flammende Rede für die Demokratie gehalten hat.

Kunst ist der Hammer

Hallo Jeannette, auf deiner Website www.kunst-fuer-demokratie.de wird man mit den Worten Vielfalt, Freiheit und Gestaltung begrüßt. Wofür stehen die genannten Begriffe, wofür dein gemeinnütziges Unternehmen Kunst für Demokratie?

Es geht darum zu zeigen, was wir tun, wofür wir stehen und was wir uns wünschen. Ich bin überzeugt, dass wir ins Tun kommen sollten, gestalten müssen. Das heißt, wir möchten mit unserem Unternehmen zeigen, wie Kunst Räume für diese Begriffe öffnen und wie sie uns dabei helfen kann, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht nur sichtbar zu machen, sondern eben auch Lösungen zu finden.

Kunst ist, wie Karl Marx sagte, nicht der Spiegel der Wirklichkeit, sondern der Hammer, der sie gestaltet. Das ist mein Leitspruch. Was wir derzeit erleben, kann man als Demokratie-Krise bezeichnen. Kunst hat die Mittel, dem etwas entgegenzusetzen.

Du sprichst unter anderem auf deiner Facebook Seite von Kunst, die dem demokratischen Grundgedanken folgt. Was heißt das konkret?

Demokratie heißt für mich Teilhabe. Das bedeutet, Menschen bringen sich ein und bestimmen gemeinsam. So ist jedenfalls der Grundgedanke. In der Praxis funktioniert das leider momentan nicht so richtig. Wir haben ganz aktuell erlebt, dass Horst Seehofer sich hinstellt und sagt, man müsse die Gesetze kompliziert machen, damit die Bürger sie nicht verstehen, sich nicht einmischen. Das ist demokratiefeindlich – schlimmer geht es gar nicht. Was Kunst damit zu tun hat? Sie zeigt, was Teilhabe ist, wenn wir uns einem kreativen Prozess öffnen, oder Räume für kreative Prozesse zur Verfügung stellen.

Gibt es denn undemokratische Kunst?

Es gibt Kunst als Ware. Kunst, die genau dem “Schneller, Höher, Weiter” folgt, wie die Gesellschaft grundsätzlich. Da geht es dann weniger um Inhalt und Botschaft, als vielmehr um Verkaufspreise und Namen. Ich will dieser Art von Kunst nicht die Berechtigung absprechen, Künstler müssen schließlich auch von etwas leben. Aber es ist eben nicht die Art von Kunst, die mich persönlich fasziniert.

Kunst für Demokratie ist nicht dein erstes gemeinnütziges Projekt. Mit der Initiative Kunst gegen Kälte hast du dich für Geflüchtete und eine entsprechende Willkommenskultur eingesetzt. In Kunst für Demokratie sprichst du die Mitte der Gesellschaft an. Warum diese Weiterentwicklung?

“Kunst gegen Kälte” war Mittel zum Zweck. Ich wollte Geld sammeln, um Hilfsorganisationen zu unterstützen. 2016 war ich selbst mehrfach auf Lesbos und in Idomeni. Dieses Engagement wollte ich fortführen, aber eben von Deutschland aus. Irgendwann war mir klar, dass gegen etwas zu sein, also in dem Fall gegen die gesellschaftliche Kälte, mir und meinem Wirken nicht entspricht. Ich bin eher pro – das ist kraftvoller. Unter diesem Dach kann man auch viel mehr vereinen, sich mit anderen vernetzen, an einem Strang ziehen. Pro ist für mich offener als gegen. Darüber hinaus habe ich gesehen, dass es wichtig ist, dort anzusetzen, wo Empathie entsteht und das ist in der Kindheit. Die Sinne von Kindern wach und neugierig zu halten, kann Kunst zum Beispiel leisten.

Aus diesem Grund werden wir im November mit einer Berliner Schulklasse das Grundgesetz vertonen. In der Projektzeit beschäftigen sich die Kinder nicht nur mit unserer demokratischen Basis, sondern sie erfahren gleichzeitig, wie es sich anfühlt, selbst etwas zu gestalten und zwar gemeinsam, denn am Ende soll eine Aufführung dabei herauskommen.

Menschen sind wichtiger als Orte

Du interpretierst den Namen deiner aktuellen Initiative tatsächlich sehr frei mit Auktionen, Ausstellungen, dem vertonten Grundgesetz oder der Reihe Demokratie im Gespräch; Veranstaltungsorte waren bereits eine Brauerei, ein Stadtteilzentrum und deine private Wohnung.

Welche Rolle spielen die Orte, an denen du die Demokratie thematisierst?

Keine übergeordnete. Grundsätzlich sollen es Begegnungsstätten sein. Aber eben auch mal außergewöhnliche. Es ist für viele ungewohnt, wenn Kunst nicht in einer Galerie, sondern in einer Privatwohnung gezeigt wird. Aber das ist zum Beispiel ein Weg, um sie aus der abgehobenen Position in den Alltag zu holen. Bilder in einer Wohnung wirken anders – zugänglicher – als in einem White Cube. Das war gerade bei der letzten Ausstellung von Dominik Butzmann sehr offensichtlich. Natürlich hängt sich kaum einer riesige Porträts von Politiker*innen in die Wohnung. Trotzdem war es sehr spannend zu erleben, wie nah jene plötzlich waren, die man sonst nur in der Zeitung oder in der Tagesschau sieht. Man konnte sich verbinden, das Menschsein im anderen erkennen.

Ansonsten kommt das Publikum bei unserer Reihe “Demokratie im Gespräch” unabhängig vom Veranstaltungsort mit Menschen zusammen, die sich mit ihrem Wirken für Demokratie einsetzen. Wir wählen unsere Gäste sogar gezielt danach aus! Ich finde, Menschen sind wichtiger als Orte.

Den Auftakt hat zum Beispiel Ingrid Meyer-Legrand gemacht, die das Buch “Die Kraft der Kriegsenkel” geschrieben hat. Hier hilft Geschichte, Gegenwart zu erkennen und auch zu heilen.

Die nächste Veranstaltung ist am 27. Juni ein Gespräch im Kulturzentrum Lawrence Berlin mit David Goeßmann, der mit seinem Buch “Die Erfindung der bedrohten Republik” einen sehr düsteren, zumindest kritischen Blick auf die Zeit von der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 bis heute wirft. Welche Antworten oder Einblicke bezogen auf die Demokratie wünschst du dir bzw. den anwesenden Gästen?

Das Buch leistet einen sehr wichtigen Beitrag dazu, die sogenannte “Flüchtlingskrise” als das zu erkennen, was sie wirklich war, nämlich in erster Linie eine Medien- und Politikkrise. Es ist doch bis heute nicht zu verstehen, wie der Fokus von der riesigen Hilfsbereitschaft der Deutschen, die bis heute anhält, auf alles, was nicht funktioniert, gelenkt wurde.

Wie die überwiegende Haltung der Deutschen, nämlich, dass sie kein Problem damit haben, dass Geflüchtete aufgenommen werden, verkehrt wurde. Die AfD konnte den Ton angeben, wir stehen heute an einem Punkt, wo die Politik den Forderungskatalog der AfD komplett übernommen hat. Das ist gefährlich und es macht mich zornig, denn die Faktenlage ist eine andere, als jene, die uns in den Medien und von Politiker*innen präsentiert wurde. Ich hoffe, dass der Abend den Besuchern die Augen öffnet. Wir werden das Buch übrigens auch als Theaterstück auf die Bühne bringen.

Suchst du für deine Initiative, sei es für das Theaterstück oder deine Gesprächsrunde noch Mitstreiter*innen bzw. wie kann man das Projekt unterstützen?

Zunächst einmal muss ich Wege finden, um uns zu finanzieren. Das läuft über Spenden, aber auch über Förderungen. Ich stehe da am Anfang, bin überhaupt kein Profi – also wenn jemand sagt: Hey, das ist genau mein Ding und da helfe ich gern: herzlich Willkommen! Und ja, ich freue mich über Kontakte zu Künstler*innen.

Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut.

Zum Abschluss die Frage: wenn du dich nur für einen Artikel aus dem Grundgesetz entscheiden müsstest, wäre es dann die Kunstfreiheit oder hast du einen anderen Favoriten?

Oh, das fällt mir sehr schwer, mich für einen zu entscheiden. Ich glaube, es ist: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.” Aber natürlich spielt auch Artikel 5 eine besondere Rolle. Die Freiheit der Meinung, Kunst und Wissenschaft ist ein hohes Gut.

Wir sehen in Sachsen oder auch in anderen Bundesländern, dass die AfD massiv versucht, diese Freiheit einzuschränken. Sich dafür einzusetzen, ist Teil meiner Arbeit. Und ich habe noch sehr viele Ideen, wie so etwas konkret aussehen kann.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei deinen Projekten!