Johannes Klemt, Foto: Claudia Byczynski

Die ausgewogene Mischung ist für mich entscheidend

Johannes ist Filmemacher aus Leidenschaft. Mit seinen Filmen erzählt er Geschichten, die manchmal mit Worten allein nicht erzählt werden könnten. Er teilt auch gerne sein Wissen, für Media Residents leitete er schon Workshops für junge Filmemacher oder unterstütze die Medienteams bei unserem WelcomeCamp. Wir haben mit Johannes über seine Arbeit – ob in Krisengebieten oder in Deutschland – und über seine Motivation gesprochen. 

Media Residents: Hallo Johannes, stell dich doch bitte einmal kurz vor. 

Johannes Klemt: Hallo! Mein Name ist Johannes Klemt. Ich bin leidenschaftlicher Filmemacher und Journalist. Das Land, in dem ich 1987 geboren wurde, gibt es nicht mehr. Mittlerweile lebe ich in Potsdam Babelsberg, bin im Herzen aber weiterhin Berliner und fahre gern Simson-Mopeds. Ich bin mit den Berichten über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien & Afghanistan aufgewachsen und lief mit sechs Jahren auf eigenen Beinen bei der Demo zum 1. Mai mit. Vor 15 Jahren wollte ich Kriegsfotograf werden und habe in Israel mein Vorbild Ziv Koren persönlich kennengelernt. Danach habe ich meinen ersten Anlauf für ein Bachelor-Studium unternommen und im Praxis-Seminar bekam ich eine TV-Kamera in die Finger. Da haben meine Bilder laufen gelernt.

Johannes Klemt, Foto: Claudia Byczynski

MR: Kameramensch.de – media productions & broadcast services gibt es seit inzwischen fünf Jahren. Was treibt dich an?

J: Mich interessieren Menschen, die eine Geschichte haben und Bilder, die sie erzählen. Ich kann Menschen durch meine Kamera eine Stimme geben, selbst dann, wenn sie selbst gar nicht sprechen. Mit journalistischen Stücken kann ich informieren, anstoßen oder scharf kritisieren. Gut gemachte Bilder ohne ergänzenden Text wirken dabei oft noch viel stärker. Der Hunger nach dem Stress tagesaktueller Berichterstattung steckt tief in mir. Wenn am Ende des Tages ein Beitrag oder Text rechtzeitig beim Sender oder online ist, macht mich das sehr zufrieden. Diesen Stress brauche ich genauso sehr, wie meine zwei Wochen Urlaub im Jahr. Aber da habe ich auch stets eine kleine Kamera dabei.
Mit den Filmen abseits des Journalismus‘ kann ich Menschen auf ganz andere Weise emotional bewegen, politisch kommunizieren oder auch einfach Werbung für ein tolles Produkt oder ein tolles Unternehmen machen. Wenn ich dabei zusammen mit meinen engen Kollegen arbeiten kann, wir uns gegenseitig kreativ anspornen und aus dem Zusammenhalt heraus ein gutes Produkt entsteht, dann macht uns das riesigen Spaß. Mir gefällt es, damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Jeder Mensch sollte einen persönlichen Beitrag für eine freie, pluralistische und friedfertige Gesellschaft leisten

MR: Du hast mit uns zusammen eine Interviewreihe für das VHS-Ehrenamtsportal produziert und Workshops mit geflüchteten Medienschaffenden umgesetzt. Was ist für dich Medienproduktion mit Haltung?

Interviewreihe für das VHS-Ehrenamtsportal

J: Filmemacher mit Haltung zu sein, bedeutet für mich, klare gesellschaftspolitische Positionen zu haben und diese in transparenter Weise aktiv zu vertreten – auch im Rahmen meiner Arbeit. Die Grundgedanken sind Würde und Solidarität. Jeder Mensch sollte einen persönlichen Beitrag für eine freie, pluralistische und friedfertige Gesellschaft leisten – und zwar mit den Dingen, die eine Person jeweils am besten kann. Ich kann Filme machen und anderen zeigen, wie das geht. Ich arbeite in sehr verschiedenen Bereichen, von klassischer Berichterstattung über Kampagnen-Videos für NGOs aber auch für Unternehmen und Bildungs-Projekte. Die ausgewogene Mischung ist für mich entscheidend. Neben rein kommerziellen Projekten nehme ich mir auch Zeit für politisch oder persönlich motivierte Projekte, bei denen der gesellschaftliche Mehrwert im Vordergrund steht. Dazu gehören mein Engagement für Sea-Watch e.V. und die Crew von Iuventa10 ebenso, wie die Workshops für die Residents. 
Zum anderen darf meine Arbeit nicht dazu verwendet werden sein, Menschen zu diskriminieren. Das steht sogar in meinen AGB. Deshalb stehe ich für bestimmte Auftraggeber*innen nicht zur Verfügung, unabhängig davon, wie viel gezahlt werden würde. 
Im Umkehrschluss erfordert diese Haltung ein hohes Maß an Professionalität, Transparenz und Trennschärfe. In meiner Rolle als Journalist mache ich mich nicht gemein mit dem Sujet, über das ich berichte – auch dann nicht, wenn ich dazu eine positive persönliche Haltung habe. Transparenz entsteht, indem anhand meiner Außendarstellung im Netz weitgehend nachvollziehbar ist, für welche Akteur*innen ich aktuell nicht-journalistische Produktionen realisiere. Wenn ich bspw. einen Wahlwerbespot für eine Politikerin mache, werde ich für längere Zeit nicht journalistisch über diese Politikerin und ihr Umfeld berichten. Die nötige journalistische Distanz und Unabhängigkeit würden fehlen.

MR: Du hast in vielen Ländern, auch Krisenregionen, gedreht. Was war die größte Herausforderung für dich?

J: Die größte inhaltliche Herausforderung waren die Dreharbeiten für einen 30 Minuten langen Dokumentarfilm in Kurdistan-Irak im Jahr 2012. Ich war im ersten Jahr meiner Berufsausbildung zum Mediengestalter für Bild & Ton und entsprechend wenig erfahren. Der eigentliche Kameramann war drei Tage vor der Reise abgesprungen und aus der Not heraus sollte der Azubi der Produktionsfirma mitfahren. Das war ein spannender Trip mit vielen schönen Momenten. Vieles war überwältigend fremd und ich musste jeden Tag neue Hausausforderungen überwinden, zumal der mittreisende Redakteur mehr Augen für sein persönliches Pläsir mit einer Kollegin hatte als für die inhaltliche Vor- oder Nachbereitung der einzelnen Drehtage. Das blieb zu großen Teilen an mir hängen und war gleichzeitig auch eine geniale Chance. Nach acht Tagen kam ich völlig übermüdet mit zwei vollgeschriebenen Moleskin-Notizbüchern, ca. 80 Stunden Rohmaterial und unglaublich wertvollen Erfahrungen wieder zurück. Im Nachhinein habe ich alle Notizen in einem Reise-Bericht aufbereitet, damit der Cutter später nachvollziehen konnte, wann wir wo waren und welches Material zu welcher Episode gehört. Und: Ich wusste, warum der Kollege abgesagt hatte. 

Wir konnten nicht miteinander sprechen aber haben uns trotzdem irgendwie ausgetauscht

MR: Wie reagieren die Menschen, besonders in Krisenregionen, auf dich und deine Arbeit?

J: Das ist sehr unterschiedlich. Meistens sind die Menschen ebenso neugierig, wie ich und es entwickeln sich schnell nonverbale Kontakte oder Gespräche. Die schönsten Begegnungen waren stets unerwartet. Oft habe ich den Eindruck, dass zivile Personen in anderen Teilen der Welt viel aufgeschlossener gegenüber Journalist*innen aus dem Ausland sind, als es viele Leute hierzulande gegenüber lokalen Kolleg*innen sind. Das hängt jedoch stark vom eigenen Auftreten ab. In dem Moment, wo sich Menschen mit ernst gemeintem Respekt begegnen, wird trotz Sprachbarriere schnell sehr viel möglich. Andererseits habe ich den Wert des deutschen Rechtsstaates erst wirklich zu schätzen gelernt, als ich Situationen erlebt habe, in denen mein Glück oder Unglück von der Willkür des bewaffneten Gegenübers abhingen. Mit der Kamera halte ich deshalb grundsätzlich Abstand von Soldat*innen und Polizei. Das ist leider auch in Deutschland stellenweise eine nötige Strategie.
2008 hatte ein sehr junger Soldat in Israel an einem Checkpoint in der Westbank völlig unvermittelt sein Sturmgewehr auf mich gerichtet. Für einen kurzen Moment war nicht klar, was überhaupt los ist. Ich hatte furchtbare Angst. Im nächsten Moment hat mich der Kerl vor seinen Kameraden ausgelacht und ich durfte meiner Wege gehen.
2012 im Irak sind wir beim Drehen von Landschaftsbildern unverhofft von einer Familie in ihr Wohnzimmer eingeladen worden und saßen plötzlich mit den ältesten Männern der Familie bei Chai und Zigaretten im einzigen beheizten Raum des Hauses. Als große Ehre hatten wir die Jagdwaffen der Familie begutachten dürfen. Wir konnten nicht miteinander sprechen aber haben uns trotzdem irgendwie ausgetauscht. Am Ende waren alle Beteiligten reicher. 
In Amed (türkisch Diyarbakir) im kurdisch dominierten Osten der Türkei wollte uns die (türkische) Polizei unser Equipment und Drehmaterial wegnehmen. Es wurde sehr laut diskutiert. Am Ende hat uns ein örtlicher Kollege aus der Nummer rausgeholfen. Wie er das gemacht hat und was das Problem war, ist mir bis heute schleierhaft.
2017 war ich im Kosovo und habe an einem persönlichen Film-Projekt über die erste Nachkriegsgeneration dort gearbeitet. Die meisten Menschen waren sehr aufgeschlossen und neugierig, wollten gern von sich erzählen und interessierten sich auch sehr für mich und meine Kollegin. Daraus sind spannende Interviews entstanden.
Ganz anders war es in einem Roma-Viertel am Rande der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Sobald ich dort die Kamera aus der Tasche geholt habe, gab man mir lautstark und zu verstehen, dass ich bzw. die Kamera hier unerwünscht wären. Das hat mich traurig gemacht, weil ich eben kein Tourist mit Rollkoffer war und innerhalb der zu kurzen Zeit leider keinen Zugang zu den Menschen finden konnte.
Im Zentrum von Skopje habe ich mich auf den Boden gelegt und bettelnde Straßenkinder aus ihrer Perspektive  gefilmt. Ein Junge rief mir etwas zu und wirkte verärgert über meine Aufnahme. Ich bin hingelaufen und habe ihm das Video von seinem Trommelspiel gezeigt. Sein kritischer Blick wandelte sich zu einem schelmischen Lächeln. Abends sind wir dann bei einem Weinfestival in eine kleine Gruppe von Anwohnern reingeschlittert. Am Ende waren wir alle völlig betrunken und am nächsten Tag hat ein junges Paar aus der Gruppe uns dann die schönsten Orte der Gegend um Skopje gezeigt. So exklusive Orte stehen in keinem Reiseführer.
Wir sind bis heute in regelmäßigem Kontakt und mittlerweile befreundet.

Natürlich passieren mir Fehler

MR: Gab es konkret eine Situation für dich, in der du gern besser vorbereitet gewesen wärst?

J: Ganz klar die Irakreise 2012. Ich hatte mich im Schnelldurchlauf noch entsprechend versichert, mir ein Buch zur Region gekauft und es auf der Anreise halb verschlungen. Aber technische Fähigkeiten an der Kamera und praktische Erfahrung im Ausland kann man sich nicht wirklich anlesen. Ich würde gern endlich wieder nach Kurdistan reisen – jetzt wo der Krieg gegen den sog. IS vorbei ist.

Interview im Irak. Foto: R.S.

MR: Gibt es „klassische Fehler“ beim Dreh die sogar dir schon einmal passiert sind?

J: Was heißt hier „sogar“? Natürlich passieren mir Fehler. Das schlimmste, was mir in meiner Ausbildung passiert ist, war bei einem Beitrags-Dreh 2011. Nach ca. 1,5 Stunden Anfahrt habe ich vor Ort feststellen müssen, dass beide Akkus für die Kamera noch in der Redaktion im Ladegerät steckten. Dieser Fehler ist mir nie wieder passiert. Andere Klassiker sind vergessene Speicherkarten oder dass man vergisst, auf REC zu drücken, während das Interview schon läuft. Das sind Dinge, die einmal passieren, vielleicht zweimal. Spätestens dann ist der Ärger so groß, dass man es sich sehr, sehr lange merkt und der Check der Ausrüstung vor der Abfahrt zur Routine wird.

Johannes in Skopje, Foto: Claudia Byczynski

M: Hast du einen Tipp für Menschen, die gerne beim Film arbeiten möchten?

J: James Cameron hat mal gesagt: „Just grab a camera. Shoot something. […].” Und er hat Recht. Das wichtigste ist jedoch, dass man eine Geschichte zu erzählen hat oder jemanden kennt, dem bzw. der man mit der Kamera dabei zusehen kann. Lasst euch bitte nicht ausbeuten und glaubt bitte nicht, dass die Arbeit im Rahmen eines Praktikums nichts wert wäre. Punkt.

M: Welche Projekte planst du aktuell, kannst du schon etwas verraten?

J: Im Frühling 2020 werde ich mein Bachelor-Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abschließen. Damit habe ich die letzten drei Jahre lang meine übrige Zeit verbracht. Im Herbst drehen wir einen Film mit Geflüchteten aus vier Staaten und Cottbusser ‚Ureinwohnern‘. Das Drehbuch haben die Teilnehmenden selbst geschrieben. Es geht um progressive Methoden gegen Hass und Gewalt im Alltag…

Viel Erfolg! Und vielen Dank für deine Zeit.

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