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Art. 4, Absatz 1: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Die Möglichkeit des Nicht-Glaubens

Die Türkei, das Land, in dem ich seit bald vier Jahren lebe, ist laizistisch. Staat und Religion sind zumindest auf dem Papier voneinander getrennt. Religion sollte Privatsache sein. Ich muss dazu sagen, es ist nicht das Land, in dem meine kulturellen oder familiären Wurzeln liegen. Die Türkei, das Land, in dem ich zu leben entschieden habe, ist religiös. Dabei meine ich weder den fünfmaligen Gebetsruf oder die Männer mit Gebetsketten, die vor meinem Haus spazieren. Ich spreche von der Streichung der Evolutionstheorie aus dem Lehrplan und davon, dass mir der Staat meine Freiheit, Alkohol trinken zu dürfen, immer weiter einschränkt.

Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Deutschland, das Land, in dem ich geboren wurde, ist nicht laizistisch und interessiert sich trotzdem nicht für mein Glas Rotwein. Das hiesige Grundgesetz gibt der Wissenschaft ihre Freiheit und erlaubt mir meinen Nicht-Glauben. Zur Religionsfreiheit heißt es kurz und knapp: »Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.« Aber steht das nicht genauso in der Verfassung der Türkei? Nein, erklärt mir Seyran Ateş, als ich ihr den entsprechenden Artikel zeige. Die Anwältin, politische Aktivistin und seit 2017 Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, zeigt mir den Unterschied in den jeweiligen Verfassungen: »In der türkischen Verfassung ist eben genau der Begriff, der wichtig ist, nämlich das weltanschauliche Bekenntnis als negative Religionsfreiheit, nicht beinhaltet.« Es ist also gerade diese Möglichkeit des Nicht-Glaubens, welche die Religionsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland erst vervollständigt.

Eine Moschee für Männer und Frauen

Seyran Ateş, die in Istanbul geboren wurde, wo ich heute lebe, ist froh über die hier festgeschriebene Freiheit bezogen auf die Religion. Diese gibt ihr nicht nur das Recht, als Muslimin an Gott zu glauben, sondern auch die Möglichkeit, diesen Glauben geschützt ausüben zu dürfen. So war es ihr und anderen Muslim*innen möglich, eine Moschee zu gründen, in der Frauen auch neben Männern beten können. Doch die Gründung einer liberalen Moschee ist selbst in Deutschland kein Selbstläufer. Genau wie es Jahrhunderte brauchte, um die Vorstellung der heutigen Religionsfreiheit zu entwickeln und festzuschreiben, dauerte es auch seine Zeit, bis sich eine Moschee gründete, in der nicht die sonst üblichen, eher konservativen Ansichten vertreten werden. Insgesamt acht Jahre von der Idee bis zur Eröffnung in Berlin-Moabit. Eine Zeit, in der sich Ateş intensiv mit der Geschichte ihrer Religion auseinandergesetzt hat.

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Mut haben, vernünftig zu sein

»Es wird sehr oft gesagt, der Islam brauche eine Aufklärung. Ich habe mir immer die Frage gestellt, wie kommt man darauf, dass etwas, das so universell ist wie die Aufklärung, nämlich den eigenen Verstand zu nutzen, Mut zu haben, vernünftig zu sein, immer auf das Christentum oder das Judentum begrenzt wird?«

Ateş recherchierte in der islamischen Geschichte, da sie um die zahlreichen klugen Köpfe wusste, die sich im Sinne der Aufklärung hervorgetan hatten und stieß auf einen andalusischen Philosophen aus dem 12. Jahrhundert. »Ohne Ibn Rushd«, erklärt Ateş, »gäbe es die europäische Aufklärung in dieser Form gar nicht. Er ist Brückenbauer gewesen.« Genauso ist es auch bei Goethe, dem anderen Namensgeber ihrer Moschee. Auch er brachte durch seine Arbeit einen ganz eigenen, neuen Blick auf den Islam. »Ich bin der absoluten Überzeugung«, fasst Seyran Ateş zusammen, »dass diese beiden sehr klugen Menschen die Religionsfreiheit sehr hoch schätzen würden, denn ihr Leben steht genau dafür.«

Doch wie ist es bei den Menschen heute? Wenn Seyran Ateş als Muslimin und ich als Atheist mit der Formulierung im Grundgesetz zufrieden sind, bedeutet das dann, dass es nicht mehr besser geht, dass wir den entsprechenden Artikel so schützen und bewahren sollten, wie er verfasst wurde? Die Juristin Ateş hält die Formulierung selbst für gut und richtig, erkennt aber einen Mangel in der Rechtsprechung und der Interpretation. »Es wurde in den letzten Jahrzehnten ein Begriff oder ein Verständnis von Religionsfreiheit entwickelt, das meiner Meinung nach teilweise nicht nur naiv, sondern zu feige war, bestimmte Dinge zu verhindern, die nicht mehr mit der Religionsfreiheit vereinbar wären.«

Es geht also um die Grenzen, um die Auslotung und Abwägung unterschiedlicher Grundrechte, die sich gegenseitig ausschließen. Eine Debatte, die ständig neu geführt werden muss und die sich in den vergangenen Jahren anhand von Diskussionen über Kopftücher und Schwimmunterricht manifestierte. Themen also, die der Staat mit einem Hinweis auf die Freiheit des Glaubens von sich fern halten könnte. Aber genau das wäre, laut Ateş, eben keine Religionsfreiheit im Sinne der Aufklärung.

»Neutral bleiben bedeutet nicht, nichts zu tun, sondern dafür zu sorgen, dass die Religionsfreiheit nicht mit anderen Grundrechten kollidiert.« Der Staat müsse sich also in seinen durch die Gewaltenteilung vorgegebenen Positionen darum kümmern, dass bspw. auch das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zum Tragen kommt, wenn es um die religiöse Beschneidung geht. Einfach ist das alles nicht, aber es lohnt die Auseinandersetzung.

»Denn so funktioniert unser Grundgesetz ja insgesamt, dass eine Leitlinie vorgegeben ist und was dann am Ende passiert, ist Politik.«

Dieses ständige Abwägen, dieses Ringen um eine bestmögliche Auslegung der Grundrechte im säkularen Deutschland, ist etwas, dass mich sehr fasziniert. Die Frage lautet, ob man die Religionsfreiheit nur in seine Verfassung schreibt, oder sie auch jeden Tag aufs Neue politisch verhandelt.

Navid Linnemann hat in Köln Islamwissenschaften studiert. Seit einigen Jahren lebt der bekennende Atheist in Istanbul, wo er ehrenamtlich für das deutsch-türkischen Online-Magazin MAVIBLAU tätig ist.

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Eva Feuchter ist Illustratorin, Grafik Designerin und Malerin. 2018 wurde Ihr erstes illustriertes Buch Frankfurt für Anfänger veröffentlicht. Ihr zweites Buch Simdi heißt jetzt ist noch nicht herausgegeben, hat aber schon 2018 den Designpreis Rheinland Pfalz bekommen.

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