Foto: Carolin Weinkop

Die Literatur schafft ein Bewusstsein für Offenheit und Toleranz

Selma Wels hat 2011 zusammen mit ihrer Schwester Inci Bürhaniye den binooki Verlag gegründet. Sie wollten türkischen Autoren eine deutsche Stimme geben und die Klassik sowie Moderne der türkischen Literatur bekannter machen. Für sie selbst sind Literatur und Politik kaum voneinander zu trennen. Geht es doch in beiden Disziplinen vor allem um Haltung. Selma Wels mischt sich ein, bringt sich ein und nutzt ihre Erfahrung und ihr Netzwerk unter anderem dafür, sich für Vielfalt einzusetzen. 

2013 stellte sie sich mit ihrem Verlag an die Seite der Gezi-Demonstranten und übersetzte ehrenamtlich Publikationen für die deutschsprachige Öffentlichkeit. Seit 2017 ist die Unternehmerin auch in dem Netzwerk der Neuen Deutschen Organisationen aktiv, die sich selbst als postmigrantische Bewegung bezeichnen, auch hier geht es um Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

Jetzt arbeitet Selma mit Media Residents an einem Projekt, in dem es um die Macht des geschriebenen Wortes geht, um Alltagsrassismus in den Medien und die in Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes festgeschriebene Freiheit von Kunst, Lehre und Forschung. Wir haben mit ihr über 5punkt3, den #vielfaltdurchlesen Literaturpodcast, gesprochen.

Foto: Barbara Dietl

From binooki with <3

Hallo Selma, der Hashtag #vielfaltdurchlesen feiert in diesen Tagen seinen ersten Geburtstag und ist eine Erfindung deines binooki Verlages. Was steckt dahinter?

Oh ja, tatsächlich. Es ist bald ein Jahr her, dass wir #vielfaltdurchlesen ins Leben gerufen haben. Dahinter steckt die bunteste Literaturliste Deutschlands! Vielfalt kann man durch Lesen erfahren. Darüber sind sich eigentlich alle im Literaturbetrieb einig. Man kann Vielfalt aber auch durchlesen, zum Beispiel indem man in der buntesten Literaturliste Deutschlands nachschaut, welches Buch andere zum Thema Vielfalt empfehlen. Dafür haben wir in sehr kurzer Zeit viele wichtige Botschafter*innen für die Aktion gewinnen können. Durch den Hashtag #vielfaltdurchlesen wird diese Liste öffentlich im Netz und für jeden jederzeit abrufbar.

War der Auslöser für die Aktion eine persönliche Erfahrung von dir oder das, was seit der sogenannten Flüchtlingskrise die politische und mediale Agenda bestimmt hat?

Der aktuelle Diskurs in Deutschland, die ständigen und unsachlichen Debatten um die Themen Flucht und Migration, die  Teilnahmslosigkeit der gesellschaftlichen Mitte gegenüber dem sogenannten Rechtsruck sind die offensichtlicheren Auslöser für diese Aktion. Aber ganz klar spielen auch persönliche Erfahrungen mit hinein, die man leider macht als Kind von Einwanderern. 

Aber auch meine Arbeit Verlegerin ist natürlich ein ganz starker Indikator gewesen. Seitens unserer Leser*innen bekomme ich immer wieder das Feedback, dass sie durch unsere Bücher einen Zugang zu einer Welt bekommen, die ihnen bisher fremd war oder von der sie dachten, dass sie ihnen fremd sei, um dann festzustellen: Ist ja gar nicht so. 

Schlussendlich beschäftigt sich Literatur überall mit den gleichen Themen. Vielleicht gehen die Erdbewohner*innen nördlich des Äquators auf eine andere Art und Weise damit um, als die südlich davon. In der Essenz unterscheidet uns nicht viel. Die Literatur schafft leichter ein Bewusstsein für Offenheit und Toleranz. Und auch genau dafür sind Bücher wichtig. Das war der Prozess dahinter. 

Wir wollten eine Aktion starten, die den anderen Teil der Gesellschaft zeigt. Den, der überwiegt. Der, der weltoffen, tolerant und verantwortungsbewusst ist. Denn: Wir sind alle verantwortlich für diese, unsere Gesellschaft. Sie geht uns alle an. Und was gerade passiert, betrifft nicht nur die vermeintlich „bedrohten“ Minderheiten. Es betrifft jeden von uns. Deswegen müssen wir Gesicht zeigen, eine Haltung einnehmen, in allen Bereichen des Lebens. In diesem Zusammenhang ist Literatur eben mein Bereich.

Aktuell ist viel von Feindeslisten der rechten Szene die Rede. Wie waren die Reaktionen in deinem Umfeld, habt ihr über mögliche Übergriffe – verbal oder körperlich nachgedacht?

Wir haben seit Gründung des Verlages mit Übergriffen und Anfeindungen gerechnet, ganz unabhängig von dieser Aktion. Wenn die mediale Aufmerksamkeit steigt, steigen auch die Anfeindungen. Zum Glück gab es bisher keinen Fall, der bis zur Anzeige oder ähnlichem geführt hätte. Bisschen Hate im Netz halt. Damit lernt man umzugehen. Auch wenn ich das Internet als wichtiges Instrument für den demokratischen Prozess erachte, so eröffnet es doch auch Teilen der Gesellschaft, zu denen ich sonst keinen Zugang habe, die Möglichkeit der Teilhabe. Gehört auch dazu, macht aber keinen Spaß.

Die Aktion der buntesten Literaturliste läuft immer noch. Was denkst du dir, wenn du die Statements im Blog oder in den sozialen Netzwerken wahrnimmst?

Ich freu mich riesig, dass immer noch so viele und so gute Empfehlungen kommen. Auch im Bereich Kinderliteratur. Vielfalt fängt im besten Fall schon im Kinderzimmer an. Also sollte es zumindest.

Ich liebe es, mit Menschen im Gespräch zu sein

Jetzt sprichst du zusammen mit unserem Kollegen Bastian mit einzelnen Kurator*innen der Liste über ihre Erfahrungen und Beweggründe, sich an der Aktion #vielfaltdurchlesen zu beteiligen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ganz einfach: Bastian hat mich gefragt, ob ich Lust habe dieses Thema zu vertiefen und wenn ja, wie. Wir haben über verschiedene Formate geredet und sind dann am Podcast hängengeblieben.

Ihr habt innerhalb von kürzester Zeit vier Folgen produziert, du hast sozusagen das Medium und deine Rolle neu definiert. Was hat dich am meisten überrascht oder fasziniert?

Aus zeitlichen und organisatorischen Gründen mussten wir drei von vier Folgen an einem Tag drehen. Draußen waren 38 Grad, im Studio sogar deutlich mehr. Dass wir das überlebt haben, das ist eins meiner persönlichen Highlights.

Ansonsten liebe ich es ja mit Menschen im Dialog zu sein, mich mit ihnen auszutauschen, im Gespräch zu bleiben. Und meistens mach ich das live, ohne Co-Moderation oder Publikum.

Eigentlich haben sich – bis auf das Gespräch – relativ viele Variablen geändert. Das war neu, das war spannend und gleichzeitig stellte es auch eine Verunsicherung dar. Ich darf auf jeden Fall noch viel lernen in dem Bereich. Will ich auch. Denn: Es hat wirklich richtig Spaß gemacht. Und Bastian und ich sind jetzt nach 4 Folgen ein gut eingespieltes Team. Könnten jetzt mit gemachten Erfahrungen glatt so weitermachen. 

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Da kommt was auf euch zu.

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Mit wem habt ihr denn in den ersten Folgen sprechen können und vor allem worüber – ging es “nur” um Literatur, die Macht des Wortes, wie du sagst?

Wir hatten ganz wundervolle Gäste: Mohamed Amjahid zum Beispiel war unser erster Gast. Es war sehr spannend mit ihm über sein Buch „Unter Weißen“ (erschienen bei Hanser Berlin) zu sprechen oder über seine Arbeit als Redakteur mit Migrationshintergrund bei der ZEIT. 

Aber auch Themen wie der Pressekodex oder marokkanische Zeitungsverleger waren ein Teil unseres Gesprächs. Mit der grandiosen Autorin Sasha Marianna Salzmann zu reden – unvergleichlich! Zum einen über ihre Arbeit im Gorki Theater in Berlin, ihr Buch „Außer sich“, das bei Suhrkamp erschienen ist und mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt wurde, zum anderen das Buch, das sie empfohlen hat: „Die Argonauten“ von Maggie Nelson. Über Bücher, Politik und wie es sich anfühlt, wenn Horst Seehofer seine Teilnahme am Integrationskongress wegen deiner Person absagt, haben wir mit der wundervollen Ferda Ataman sprechen dürfen, die sich übrigens ganz klar dazu bekennt, #vonhier zu sein.

Die vierte im Bunde war meine bezaubernde Kollegin, die Verlegerin, Autorin, Moderatorin, Eventerin oder einfach: Das Multitalent Christiane Frohmann. Seit der ersten Sekunde hat sie #vielfaltdurchlesen unterstützt. Es war mehr als interessant, mit ihr über ihre Arbeit, das Internet als Hort der Kreativität und über Bücher zu sprechen; unter anderem “Eine Jugend” von Ruth Klüger. Ihre “Präraffelitischen Girls” sind natürlich auch zu Wort gekommen.

Also wir haben richtig tolle Gäste, die wirklich gute Sachen zu sagen haben. Spannend finde ich, dass wir von allen auch viel über ihre Biografien erfahren konnten, um die es nur seltener geht, wenn Neuerscheinungen beworben werden. 
Freut euch drauf, es sind gute Menschen, mit guten Gedanken, die da zu Wort kommen.

Habt ihr schon Pläne, wie es nach den ersten Folgen weiter geht?

Vielleicht schaffen wir es, irgendwas im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse zu organisieren. Das wäre schön. Und wenn wir die Möglichkeiten haben, machen wir natürlich weiter: Audio, Video, live – wir nehmen es wie es kommt.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem Literaturpodcast 5punkt3! 

5punkt3 – der Literaturpodcast #vielfaltdurchlesen startet am 8. August mit Mohamed Amjahid auf den Kanälen von Media Residents. Folgt uns auf Youtube, Facebook & Instagram.

Mehr zur Arbeit von Selma Wels:

vielfaltdurchlesen.de
Instagram: @vielfaltdurchlesen

binooki.com
Twitter: @binooki

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