Art. 2, Absatz 2: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.

Die Route für die meisten Flüchtlinge in Europa begann für die, die es bis dahin geschafft hatten, in Griechenland. Aber nachdem die Grenze nach Mazedonien geschlossen wurde, mussten Flüchtlinge unter schwierigen Lebensbedingungen in Griechenland bleiben. Endstation statt Neubeginn.

Ich beschloss im Oktober 2018 mit meinen Kollegen und Freunden Nuray Atilla und Tim Lüddemann dorthin zu reisen. Wir wollten recherchieren, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge dort leben müssen und entschieden uns für die Insel Lesbos und das Camp Moria. Im Vorfeld haben wir jede Menge Artikel gelesen und Videos gesichtet. Darin ging es vor allem um die humanitäre Situation der Flüchtlinge.

Wir kamen auf Lesbos an und fuhren am nächsten Tag zum Camp, gebaut für ca. 3.000 Menschen. Aber es waren 7.000 Männer, Frauen und Kinder. Die Mehrheit mit Wurzeln in Afghanistan oder, wie ich, aus dem arabischen Raum.

Trotzdem war das erste Gefühl im Camp dasselbe, das ich hatte, als ich 2014 in Deutschland ankam. Ich habe mich fremd gefühlt und dachte, dass die Leute mich seltsam anschauen. Es war wie in einer geschlossenen Stadt. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben kann.

Journalist*innen ist es nicht gestattet, im Camp zu sein.

Als ich das Lager erkundete, stieß ich auf eine Warteschlange. Hunderte von Menschen schrien und stritten miteinander. Ich wusste nicht, warum sie genau hier warteten und traute mich auch nicht, eine oder einen von ihnen zu fragen. Ich wollte nicht, dass sie herausfinden, wer ich bin und was ich hier tat. Journalist*innen ist es nicht gestattet, im Camp zu sein.

Es kamen mehrere LKWs und die Leute begannen zu applaudieren, zu pfeifen und sich zu freuen. Das Auto hielt an und öffnete seine Türen. Dann wurde mir klar, warum die Leute so angespannt waren: natürlich, Essen und Trinken.

Ich erkundete weiter das fremde Lager und hörte jemanden im selben Dialekt wie ich sprechen. Er kam aus Aleppo!

Er besaß einen kleinen Kiosk und verkaufte heiße Getränke. Durch mein kurzes Gespräch mit ihm habe ich mehr über die Lebenssituation in Camp Moria erfahren. Zum Beispiel, dass man immer mindestens vier oder fünf Stunden vor der Verteilung der Mahlzeit warten muss.

Dann schickte er mich zum Bekleidungsmarkt.
Es war kein normaler Markt. Die Flüchtlinge verkauften dort ihre eigene Kleidung. Sie brauchten Geld, um Lebensmittel kaufen zu können, wenn sie zu spät in der Warteschlange waren.

So schnell wie möglich raus

Ich hörte Hunderte von Flüchtlingsgeschichten. Unter anderem von einem jungen syrischen Mann. Er sollte seinen Zwangsdienst in der syrischen Armee absolvieren. Bei seinem Fluchtversuch wurde er angeschossen und schwer verletzt. Für die Behandlung dieser Verletzung will er das Camp, so schnell wie möglich, verlassen. Am Liebsten möchte er nach Deutschland kommen. Nicht wegen der Gesetze, sondern weil er so viel Gutes über die Bundeskanzlerin und die medizinische Versorgung gehört hat.

Foto: ©Fish Out Of Sea

Ich weiß, dass das Grundgesetz, inklusive dem Artikel über das Recht der körperlichen Unversehrtheit oder dem Asyl, allein in Deutschland Geltung haben. Aber ich hoffe, dass diese Gesetze irgendwann in jedem Land gelten. Ich weiß, es gibt so viele Menschen auf dieser Welt, die davon träumen.

 

Mohamad Nanaa kommt aus Syrien, studiert Recht und Politik und arbeitet als Freiberuflicher Journalist unter anderem für das arabisch-sprachige Magazin Eed be Eed. Er interessiert sich für das gesellschaftliche Zusammenleben und allgemeinen Themen der Geflüchteten.
>>http://eedbeeed.de

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