Ich möchte meine Stimme denen geben, die keine haben.

Fatima hat für unser Grundgesetz Magazin Gesicht Zeigen! den Kommentar “Frauensache” geschrieben zu dem Artikel 3 Abs. 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. In ihrem Projekt „SaHar“ möchte sie Frauen, die Gewalt erlebt haben, zu Protagonist*innen machen und ihnen ein Netzwerk bieten, in dem sie Unterstützung erfahren.

Wer bist du denn?

Hi! Ich bin die Fatima und lebe in Köln. Bin aber ursprünglich aus Wermelskirchen, wo ich geboren und groß geworden bin. Meine Wurzeln habe ich jedoch in Marokko, daher habe ich das Privileg, zwei Kulturen mitzuerleben. 

Ich habe am Gesicht Zeigen! Magazin mitwirken dürfen und dort einen Artikel geschrieben zum Thema Gleichberechtigung und habe mich dabei besonders auf das Thema Frauen fokussiert. Wir haben ja eigentlich eine großartige Verfassung, in der auch steht, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, aber in der Realität der sozialen Marktwirtschaft und in den politischen Rahmenbedingung gibt es da leider noch viel Nachholbedarf.

Und du selbst arbeitest an einem Projekt für Frauen?

Mein Projekt, an dem ich derzeit arbeite, nennt sich SaHar – das ist arabisch und bedeutet Zauber. Es soll ein Portal bieten für Frauen, die Erfahrung mit Missbrauch und täglicher Gewalt gemacht haben. Frauen sollen auf SaHar erste Information über Anlaufstellen und Unterstützung in den jeweiligen Ländern bekommen. Ich hoffe, dass sich das Projekt so weiterentwickelt, dass betroffene Frauen zu Protagonistinnen werden.
Zuerst war es nur angedacht in den arabischen Ländern, aber nachdem ich mich mit Frauenvereinen auch hier in Deutschland auseinandergesetzt habe, ist mir klar geworden, dass dieses Thema nachwievor ein Tabuthema ist. Die Frauen dürfen nicht Schuld an dem haben, was passiert ist. Leider ist es besonders in den arabischen Ländern häufig so, dass gesagt wird: “Die Frau wurde vergewaltigt, weil sie ein Top anhatte und zu spät unterwegs war”. Das darf keine Argumentation sein und ist für mich auch keine, die man mit dem Islam verbinden kann.

Warum ist das Thema so wichtig? 

Vor einigen Jahren wurde eine Bekannte von mir in Marokko unter Drogen gesetzt und missbraucht. Ich habe es selbst auch nur von einer zweiten Person erfahren, da es ihr selbst zu unangenehm war. Wir haben sie dann überredet und zum Arzt begleitet, wo sich herausstellte, dass sie mehrfach vergewaltigt wurde. Dann haben wir nach Frauenvereinen gesucht zur Unterstützung und nichts gefunden. Ich weiß nicht, ob diese Seiten vielleicht verschlüsselt waren. Es gibt in Marrakesch einen Verein, der die Frauen therapeutisch unterstützt, aber ansonsten haben wir nichts gefunden, wo sich die Frauen hinwenden können. Und die Frau wollte selbst auch nicht zur Polizei gehen, weil sie Angst hatte, dass das die Ehre der Familie verletzte. Das kann ich nachvollziehen, diese Scham, was deine Liebsten von dir halten könnten und es wird auch getratscht, dass sie beispielsweise selber Schuld sei, sie hätte ja nicht dahin gehen müssen. Sie selbst gibt sich absolut die Schuld daran, das einzige Gute ist, dass sie sich an nichts erinnern kann. 

Ich komme auch aus der arabischen Welt und habe früh mitbekommen, dass wir Mädels vieles nicht durften, wenn wir in Marokko waren – sowas wie Fahrradfahren. Ich hatte jedoch das Privileg, dass ich gute Bildung genossen habe und meinen Eltern Bildung auch immer wichtig war. Ich hatte das Glück, in meinem Leben großartige Menschen zu haben, die mich inspiriert haben und das möchte ich gerne weitergeben. Ich möchte Stimmen lauter machen und meine Stimme denen geben, die keine haben.

Wie können wir Stimmen lauter machen?

Jeder von uns hat ja eine Stimme. Wir müssen uns nur mehr vertrauen. Vielleicht durch Gespräche und Empowerment. Die Stimme stärker machen, die Frauen selbstbewusst und Männer sensibilisieren. Und noch darüber hinaus aus Männern und Frauen ein Team machen und auch aus Frauen ein Team machen. Weil das Problem unter uns Frauen heute immer noch ist, dass wir oft gehässig miteinander sind. Das ist furchtbar schade! Wir müssen einen Zusammenhalt aufbauen.

Wie kannst du von Deutschland aus Frauen in arabischen Ländern unterstützen? 

Deswegen verreise ich oft nach Istanbul, um zu sehen, wie die Frauen dort auf verschiedenen Kongressen zusammenarbeiten. Ich möchte dort hinreisen, um direkt zu verstehen, was tatsächlich Theme sind, die die Frauen beschäftigen. Von dort aus möchte ich weiter agieren. Aber der erste Schritt ist, dieses Portal anzubieten mit den Frauenvereinen, als erste Anlaufstelle. Deshalb arbeitet ein guter Freund gerade an der Verschlüsselung der Website, weil Webmobbing ein großes Thema ist.

Ein Blick in die Zukunft, wie weit möchtest du in 5 Jahren sein?

Ich hoffe, dass in 5 Jahren wir von einem Zentrum reden können, wo viele mitarbeiten. Ich hoffe, dass weitere Frauen meine Idee mit weiterentwickeln und verbessern. Ich hoffe, wir bekommen weltweit eine Vernetzung hin, ich hoffe auf einen Domino Effekt. 

Wie können wir dich unterstützen? 

Aufmerksam machen. In Diskussion das Thema ansprechen, auf Social Media  teilen. Ich freue mich auch auf Feedback und Tipps. Es soll irgendwann nicht mehr mein Projekt sein, sondern das von uns allen, damit sich jeder beteiligen kann und seine Erfahrungen und Tipps helfen und unterstützen kann. 

Ein Projekt von:

Gesicht Zeigen! ruft auf, zeigt an, greift ein – für ein weltoffenes Deutschland. www.gesichtzeigen.de

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