Null Toleranz für Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie

Raphael Brinkert bezieht mit seiner Arbeit Stellung: Er arbeitet nicht für und mit Personen und Institutionen, die gegen das Grundgesetz, die Menschenrechte, das Gemeinwohl oder den United Nations Global Compact verstoßen. Mit der Unterschrift auf der Urkunde der „Charta der Vielfalt“ hat er sich verpflichtet, die Diversität im Berufsleben zu fördern und sich für ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld einzusetzen. Wir haben mit dem streitbaren Marketing-Experten über Haltung im Sport, in der Werbung und in einer offenen Gesellschaft gesprochen.

Hi Raphael! Du bist Deutschlands meist ausgezeichneter Sport Marketeer und auf deiner Website raphaelbrinkert.com zeigst du auf, mit wem du zusammenarbeitest und mit wem nicht. Woher kommt dein Engagement gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen?

Aus dem Alltag, aus dem Geschichtsunterricht, aus Erlebtem und aus unserer Verfassung. Die Stärke unseres Landes und der Gesellschaft ist aus meiner Sicht die Vielfalt und Heterogenität, nicht die Eintönigkeit und Homogenität. Sonst könnten wir gleich nach dem Vorbild von George Orwells Buch „1984″ leben. Genauso wie uns jede Diskussion mit verschiedenen Standpunkten weiterbringt, bringen mich persönlich Gespräche mit Freunden wie Hans Sarpei weiter, der selbst Alltagsrassismus erleben musste. Oder aber auch das Feedback des Umfelds in Kontakt mit meinem Sohn, der das Down Syndrom hat.

Die Haltung teilst du mit immer mehr Vereinen: Hertha BSC setzte sich in der letzten Saison mit einer Kampagne gegen Rassismus ein „in Berlin kannst du alles sein, außer Rassist“. Borussia Dortmund verkaufte „kein Bier für Rassisten“. Sollte jeder Fußballverein seine Reichweite nutzen und sich öffentlich gegen Rassismus zu stellen bzw. verstehst du, wenn sich einzelne Vereine politisch eher zurückhalten?

Seitdem Paul Keuter bei der Hertha BSC in der Geschäftsführung ist, hat der Verein einen Riesenschritt bei den Themen sozialer Verantwortung gemacht. Ich bin dankbar, dass ich drei Jahr lang den Verein dabei unterstützen durfte. Aber ich sage auch klar und deutlich, dass nicht alle Vereine und Verbände sich ihrer Vorbildfunktion vollumfänglich bewusst sind. Oft ist CSR noch ein Wurmfortsatz des Marketings und leider noch keine Chefsache.

Trotz der Bekenntnisse und Maßnahmen aus der Vereinsführung oder wie im Fall SC Freiburg auf der Trainer-Ebene ist die Polizei regelmäßig gefordert auch im Stadion wegen rassistischer Vorfälle zu ermitteln. Welche Folgen hat das normalerweise für den Verein und die auffällig gewordenen “Fans”?

Die Strafen halten sich bisweilen stark in Grenzen und werden in der Regel mit Ermahnungen, kleinen Geldbußen und Stadionverboten abgetan. Aus meiner Sicht sollten es aber für Rassismus nicht die gelbe Karte geben. Es ist nicht nachvollziehbar, dass das Abbrennen von Bengalos teilweise schlimmer verurteilt wird als Fremdenfeindlichkeit.

In England und Spanien werden die Tribünen teilweise von Lippenleser*innen überwacht. Sollte man auch in Deutschland auf diese Methode zurückgreifen, um gezielt Rassismus zu identifizieren und entsprechend mit Stadionverbot zu belegen?

In letzter Konsequenz, wenn vorherige Maßnahmen nicht greifen, leider ja.

 

Eine klare null Toleranz Linie verbessert langfristig die Stimmung

Warum sollte man unabhängig von der Erkenntnis über verbale Totalausfälle, jede Beleidigung, die von den Fans in Richtung der Schiedsrichter*in oder einzelner Gegenspieler erfolgt, juristisch verfolgen?

Beleidigungen und harmlose Beschimpfungen gehören zum Fußball dazu, da sollte man nicht zu kleinlich sein und auch mal ein Auge zudrücken. Davon ausgenommen sind jedoch Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Sexismus oder Homopobie. Hier darf es, auch innerhalb der Fanszene, null Toleranz geben.

Hätte das deiner Meinung nach Einfluss auf die teilweise von Fangruppen organisierte und aus Vermarktungssicht sicherlich gewünscht sehr emotionale Stimmung in den Fankurven?

Wenn es Einfluss hätte, gäbe es bei Vereinen wie dem FC St. Pauli seit 25 Jahren keine Stimmung. Das Gegenteil ist der Fall: Durch eine klare null Toleranz Linie verbessert man langfristig die Stimmung und öffnet sie für den intelligenten Witz oder gar Selbstironie statt platter Attitüden und Vorurteilen.

Wie ist dann ein solches vorgehen außerhalb solcher geschlossenen Räume aus, in denen das Hausrecht der Vereine gilt? Also in Sportbars, Sportlerheimen oder beim Public Viewing: kann Überwachung hier eine Lösung sein?

Wem es um permanente Überwachung geht, der ist in unserem freien und weltoffenem Land falsch. Überwachung darf immer nur das allerletzte Mittel sein, wenn andere Kräfte komplett versagt haben. Das sehe ich derzeit weder in Stadien, noch in Bars oder beim Public Viewing.

 

Fußball ist kein Spielfeld für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Das wiederum ist auf dem Platz schwer umzusetzen. Wie sollte der Verband, der Verein oder das Schiedsrichtergespann während eines Spiels oder nach der Kenntnisnahme einer rassistischen Äußerung eines Spielers umgehen?

Sollte es von Fans eine Äußerung gegenüber einem Spieler geben, plädiere ich beim ersten Mal für eine Spielunterbrechung. Sollte es wiederholt vorkommen, sogar für einen Spielabbruch. Der Fußball ist kein Spielfeld für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, dass müssen wir in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen. Insbesondere auch um Nachahmer-Effekte auszuschließen.

Du gehst auf deiner Website sehr offensiv damit um, für wen du nicht arbeiten würdest und führst das Grundgesetz als Leitlinie an. Welcher Artikel liegt dir besonders am Herzen?

Die Grundrechte sind so immens wichtig und richtig, dass ich keinen einzelnen Artikel herausstellen möchte. Egal, ob es die Würde des Menschen, die Meinungs- oder Pressefreiheit ist oder das Recht auf Asyl. Jeder, der auch nur fünf Minuten Zeit hat, sollte sich die Grundrechte, den existenziellen Teil unseres Grundgesetztes, durchlesen.

Letzte Frage: Sollten Fußballvereine aus deiner Sicht überhaupt Sponsorengelder von Personen oder Institutionen entgegen nehmen, die sich rechts bzw. rassistisch äußern oder sich eben nicht bedingungslos an die Spielregeln des Grundgesetzes halten?

Mit jedem Euro verlangt der Sponsor eine materielle oder immaterielle Gegenleistung. Als Marketeer kann ich jedem Verein nur raten, kein Geld von solchen Personen und Institutionen anzunehmen.

Vielen Dank für das Interview!

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