Foto: Axel Kammann beim #CSRcamp18

Gemeinsam können wir an der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft in einem weltoffenen Land arbeiten.

Die Flüchtlingssituation, die globalen Verflechtungen, die sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die Diversität von Menschen, Werten und Weltanschauungen, der Klimawandel, die Digitalisierung, das Ignorieren und Fälschen von Informationen, der Terrorismus – all das sind Beispiele für die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen. Als Individuen und auch in unseren Rollen in Organisationen und Institutionen.

Das sind die Themen, die Prof. Dr. Matthias Schmidt umtreiben. Auf sie sucht er Antworten in verschiedenen Wirkungsfeldern, in Praxis und Theorie. Zu ihnen forscht, berät und lehrt er. Seine Erfahrungen motivierten ihn, die Projektleitung für das “Welcome Project” zu übernehmen. Bastian von Media Residents hat Matthias getroffen und mit ihm über das Ende eines Integrationsprojektes, die gesellschaftliche Verantwortung von Bildungseinrichtungen und das #ReflexionCamp am 10. Dezember 2018 in Berlin.

Hi Matthias, siehst du Hochschulen in einer besonderen Verantwortung im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation bzw. der Integration von Neuankömmlingen?

Absolut. Hochschulen sind wirkmächtige gesellschaftspolitische Akteurinnen, deren Verantwortung den Forschungs- und Bildungsauftrag übersteigt. Das, was eine Hochschule tut – und auch das, was sie nicht tut – wird in ihrem Umfeld sehr wohl wahrgenommen und hat Strahlkraft. Daher sind Hochschulen gerade in der Flüchtlingssituation, die ja unsere Gesellschaft insgesamt herausfordert und auf die Probe stellt, in besonderem Maße in der Pflicht.

Hier kann und muss eine Hochschule zeigen, wofür sie steht und was ihre Vorstellung von einer modernen und zukunftsfähigen Gesellschaft ist. Damit gibt sie wichtige Signale in die die gesellschaftlichen Diskurse.

Dafür stand lange Zeit auch “The Welcome Project”, was genau habt ihr da gemacht?

Unser Team hat sich eng an der Verantwortung der Hochschule orientiert, um Maßnahmen wirksam und verantwortungsbewusst zu bündeln. Wir haben immer bedacht, was das Kerngeschäft bzw. was die Kernkompetenzen dieser Hochschule sind und wie wir unserer Verantwortung gerecht werden können.

Ganz konkret haben ein Vier-Stufen-Programm entwickelt, mit dem wir studierwillige und studierfähige Geflüchtete auf das Fachstudium vorbereiten konnten bzw. Geflüchtete, die bereits im Studium sind, begleitet haben. Dabei ging es um gesellschaftsrelevante Grundlagen, wie etwa im Kurs „Leben – Studieren – Arbeiten in Deutschland“ oder spezielle Orientierungseinheiten zu naturwissenschaftlich-technischen Querschnittsthemen, wie den Klimawandel oder die Ressourcenknappheit.

Durch Prüfungen und die Anrechnungsfähigkeit von erbrachten Leistungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Fachstudium konnte so wertvolle Zeit für die Geflüchteten gewonnen werden.

Und wir konnten – auch das ist nicht zu unterschätzen – den Geflüchteten eine „Heimat“ bieten, einen Ort an dem sie willkommen waren und zu dem sie sich jederzeit zugehörig fühlen. Unser konzeptionell sowie ethisch belastbarer Ansatz hat auch international Resonanz gefunden und kann durchaus als Best Practice bezeichnet werden.

Ursprünglich lief das Ganze unter dem leicht verständlichen Namen Refugees@Beuth. Wie kam es zur Umbenennung in The Welcome Project?

Das ist eine gute und wichtige Frage. Anfang Juni 2017 hat ein Kollege, der als Rassismusforscher anerkannt ist, in einer Stellungnahme neue Forschungsergebnisse veröffentlicht, die eindeutig belegen, dass es sich bei dem Namenspatron der Hochschule, Christian Peter Wilhelm Beuth, um einen Antisemiten mit Vernichtungsphantasien handelt.

Wir haben Projekt sofort gehandelt und fortan den Namen „The Welcome Project“ verwendet. Die Integration Geflüchteter im Namen eines Rassisten und insbesondere auch der plakative Name „Refugees@Beuth“ wäre nachgerade ein Widerspruch in sich selbst und ein gelebter Zynismus gewesen.

Ich hoffe sehr, dass die entscheidenden Gremien der Beuth Hochschule, die bis 2008 noch Technische Fachhochschule Berlin hieß, dem Beispiel des Welcome Project folgen und, dass die Hochschule schnellstmöglich umbenannt wird. Der aktuelle Name ist für eine Hochschule, die als gesellschaftspolitische Akteurin in einer besonderen Verantwortung steht, nicht tragbar und das falsche Signal.

„Beuth“ als Marke und Identifikationsfigur für Studierende und Angehörige einer diversifizierten Hochschule in einer modernen Gesellschaft halte ich für eine maximale Zumutung, die einen permanenten Rechtfertigungsdruck erzeugt.

Man spürt deine Leidenschaft für das Thema und das Projekt, das jedoch nicht mehr fortgesetzt wird. Als Abschluss soll das #ReflexionCamp, eine Veranstaltung im Barcamp-Format am 10. Dezember 2018, dienen. Worum geht es da genau?

Wir haben in den vergangenen Semestern das Vier-Stufen-Programm sehr erfolgreich umgesetzt, kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Im Sommer 2018 haben wir das Programm zum letzten Mal durchgeführt und seither nur noch vereinzelte Maßnahmen angeboten.

Die Projektleitung und die Steuerungsgruppe haben aus wohlüberlegten Gründen die Entscheidung getroffen, das Projekt an der Beuth Hochschule zum Jahresende 2018 einzustellen und auf die vom DAAD avisierte Förderung zu verzichten.

Mit dem #ReflexionCamp wollen wir abschließend einen sichtbaren Schlusspunkt setzen. Es geht um den Erfahrungsaustausch mit internen und externen Interessierten und eine Bewertung des Status Quo.

Natürlich wollen wir auch überlegen, wie wir uns weiter mit unseren Kompetenzen für die Integration Geflüchteter engagieren können. Ich hoffe auf zahlreiche Gäste, die sich von unserem Projekt inspirieren lassen und die ihre Ideen und Anliegen in den Sessions des Barcamp vorstellen, so dass der notwendige Diskurs über die Integration Geflüchteter ins Studium fortgesetzt wird.

Und wie geht es mit dem Projektteam und euren Teilnehmenden weiter?

Ohne dem #ReflexionCamp vorzugreifen, ist eine Vision, dass wir uns unter dem Dach eines Vereins im kommendem Jahr weiter ehrenamtlich engagieren. Denn tatsächlich haben wir zahlreiche Interessentinnen und Interessenten auf unserer Warteliste und es erreichen uns ständig neue Bewerbungen für das Programm. Die Nachfrage ist also ungebrochen.

Zudem hat sich ein sehr gut eingespieltes Team über die Zeit entwickelt, dessen Wille zum gesellschaftlichen Engagement weiterhin besteht. Um auch künftig unsere Expertise fruchtbar zu machen, sind wir potenziellen Partnern im Gespräch.

Ich selbst habe viel Erfahrung in der Umsetzung von Summerschools, so dass ich mir gut vorstellen kann, über eine ehrenamtliche Beratung beim Aufbau effektiver Strukturen zu helfen, mit denen man zeitgemäß und bedarfsgerecht Integrationsverantwortung übernehmen und auch Stellen schaffen kann; beispielsweise für hochqualifizierte Mitarbeitende, deren Einbürgerung auch von einem Anstellungsverhältnis abhängt.

Langer Rede kurzer Sinn: Es geht weiter und wer mitmachen will, ist herzlich willkommen. Kommt am 10. Dezember vorbei und sprecht mich gern vor Ort an!

Letzte Frage: Wir feiern am 12.10.18, also unmittelbar nach euren Barcamp: “Endlich nice Weihnachten“ im GRIPS Theater. Dazu seid ihr natürlich herzlich eingeladen. Habt ihr eine Art Wunschzettel zum Thema Integration und Willkommenskultur in Deutschland?

Erst einmal vielen Dank für die Einladung. Wir sind natürlich dabei! Deine Frage können wir sehr eindeutig beantworten:

Gemeinsam können und sollten wir an der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft in einem modernen und weltoffenen Land arbeiten. Eine aufgeklärte Willkommenskultur und der Blick jedes Einzelnen bzw. jeder Einzelnen über den eigenen engen Tellerrand auf das Ganze des Einwanderungslandes Deutschland ist dabei mehr als wünschenswert.

Denn ohne Zweifel haben wir in Deutschland das Glück, in einer Zeit und in Verhältnissen zu leben, die uns, bei allen individuellen Unterschieden, ein hohes Maß an Sicherheit und Wohlstand bieten. Das war nicht immer so und wir können nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass es immer so sein wird, eine Garantie gibt es nicht.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Phasen der relativen Stabilität und Sicherheit sehr fragil sind. Die Welt um uns herum zeigt uns das. Es ist nicht mehr als Zufall, dass wir in diese guten Verhältnisse hineingeboren wurden und davon profitieren. Darüber sollten wir sehr uns bewusst sein, wenn wir uns Menschen gegenüber sehen, denen der Zufall anders mitgespielt hat.

#ReflexionCamp

10. Dezember 2018, am Tag der Menschenrechte,

in der Zeit von 11.30 – 19 Uhr an der Beuth Hochschule für Technik Berlin,
Luxemburger Straße 10, 13353 Berlin
im Haus “Gauß” (Raum B 501), im 5 Stock.

Ziele?

Erkenntnisse austauschen, Erfahrungen bewerten, Perspektiven schaffen für eine Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung und zur Integration Geflüchteter, vor allem in der Verantwortung von Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Weitere Infos und kostenlose Anmeldung

auf https://projekt.beuth-hochschule.de/welcome/reflexioncamp

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